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#1 Beweglich (Artemide Tizio): Interview 1 aus unserem Buch: "Gespräche mit den wertvollen Dingen".

 

?_Hallo Tizio, Du kommst nicht mit einer, nicht mit zwei, sondern gleich mit drei Innovationen zur Welt - welche sind das?
!_Die ersten Niedervolt-Halogen-Lampen werden 1964 in Autoscheinwerfern eingesetzt. 8 Jahre später werde ich als erste Schreibtischleuchte mit dieser Lichttechnologie geboren.Diese auf einer Spannung von 12 Volt basierende Technologie ermöglicht eine kabellose Stromführung. Das heißt, dass mein Halogen Leuchtmittel vom Transformator in meinem Leuchtenfuss über meinen Körper mit Strom versorgt wird. Das ist revolutionär! Du kannst mich im eingeschalteten Zustand bedenkenlos anfassen und ausrichten. Wenn Du mich ansiehst, wirst Du feststellen, dass die freie Positionierung meines Leuchtkörpers mit zwei Lampenarmen umgesetzt wird, an deren Enden Gegengewichte montiert sind. Das Prinzip einer Waage sorgt dafür, dass ich in alle Richtungen, rechtwinklig zu meinen Waag-Achsen beweglich bin und in der jeweils eingestellten Position verbleibe.

? Das ist echte Pioniersarbeit - aus welcher Schmiede kommst Du?
! Mein Schöpfer ist einer der bedeutendsten Designer seiner Zeit, Richard Sapper.

?_Was motiviert Richard Sapper, Dich zu entwickeln?
!_Es gibt keine Arbeitsleuchte, die ihm für seine Schreibtischarbeit hinreichend praktikabel erscheint. Also entwirft er für den italienischen Leuchtenhersteller Artemide eine Leuchte, die nicht am Tisch befestigt werden muss und deren Lichtkegel über einen beweglichen Arm einfach in unterschiedlichste Positionen zu bringen ist.

?_Ein genialer Wurf, der Dir den Weg zu einer sehr erfolgreichen Leuchte ebnet.
!_Ja, in den 1980er Jahren avanciere ich dank meiner reduzierten Ausführung zur Ikone des High-Tech-Designs, und ich gehöre zu den meistverkauften Leuchten weltweit. Der Erfindung der LED Technologie folgend, gibt es mich seit ein paar Jahren auch in einer 8 Watt LED Ausführung.

?_Bei Deiner Erfolgsgeschichte möchte ich einen Blick auf Deine Vorfahren werfen - sind auch die mit Erfolg gesegnet?
!_Die ersten Schreibtischleuchten mit schwenkbaren Armen kommen in den 1920er Jahren zur Welt. Allerdings müssen die Arme in der jeweils gewünschten Position festgestellt werden. 1933 entwirft der Brite George Carwardine ein Gelenk-Prinzip nach Vorbild des menschlichen Armes, bei dem über die Spannkraft dreier Stahlfedern die jeweilige Position der Leuchte in Balance gehalten wird. Den Namen für seine Leuchte leitet er von diesem Prinzip ab - er nennt sie ,Anglepoise‘ (Winkelstellung).

?_Wer ist dieser George Carwardine?
!_Carwardine ist Spezialist für Stoßdämpfersysteme. Als Produzenten für seine Erfindung gewinnt er den Hersteller


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Anglepoise 1227 - Schreibtischleuchte 1933, George Carwardine

 

von Federn und Stoßdämpfern, Herbert Terry & Sons. Die Anglepoise ist das Vorbild aller Federzugleuchten und sehr erfolgreich. 1992 erringt sie den ersten Platz, als 50 britische Industriedesigner nach der bedeutendsten Leuchte aller Zeiten gefragt werden.

?_Es sieht so aus, als würden die Erfolge immer größer werden, je weiter wir in die Geschichte Deiner Vorfahren eintauchen - erzähl mir von Deinen Ursprüngen.
!_Mein Ursprung ist Licht, künstliches Licht. Nach der Entdeckung des Feuers leben die Europäer im Mittelalter bei Fackelschein und vor allem bei Kerzenlicht. Die Kerzen werden in einem zeitaufwendigen Verfahren vorwiegend aus tierischem Fett hergestellt. Sie stinken, rußen und haben eine kurze Brenndauer. Eine innovative Alternative sind Kerzen aus Walrat, das aus dem Kopf des Pottwals gewonnen wird. Sie geben zwar mehr Licht und tropfen weniger, sind dafür aber teurer. Die im 19. Jahrhundert aufkommenden Gas- und Kerosinlampen sind etwas effizienter und eine Rettung für die Pottwale. Doch künstliches Licht ist für eine längere Brenndauer zu teuer und zudem immer verbunden mit Brandgefahr. Erst die Erfindung der Glühbirne sorgt für eine revolutionäre Energieeffizienz und Brandsicherheit.

?_Und wer hat sie erfunden, die Glühbirne?
!_Dass ein Draht im Vakuum nicht verbrennt, sondern nur glüht, ist bereits bekannt, als Thomas Alva Edison 1879 die Glühbirne entscheidend weiterentwickelt und Helligkeit in ein preiswertes Massenprodukt verwandelt. Nach vielen Versuchen führen schließlich der Einsatz eines hochohmigen Kohlefadens und eine vebesserte Vakuumversiegelung zum Erfolg der Glühbirne, zum Beginn des Elektrozeitalters und zur Elektrifizierung New Yorks.

?_Was für eine Erfolgsgeschichte! Lässt sich die Energieeffizienz in Zahlen ausdrücken?
!_Der Preis des Kunstlichts ist von 40 Cent pro Leuchtstunde (Talgkerzen im Jahr 1800) auf 0,1 Cent pro Leuchtstunde (Glühbirne im Jahr 1992) gefallen. Die Lichteffizienz ist parallel um den Faktor 1000 gestiegen. Mit der Entwicklung 2014 mit energiesparendem weißen Licht fortgeführt. Eine Stunde kostet jetzt nur noch 0,01 Cent. Damit ist die  Lichteffizienz ist im Vergleich zur Kerze also um den Faktor 10.000 gestiegen.

?_Was möchtest Du dem Leser mitgeben?
!_Unsere Welt ist heute so hell erleuchtet, dass wir den Begriff "Lichtverschmutzung" erfunden haben. Wenn wir uns in unsere Vorfahren hineinversetzen, die so viel Zeit und Aufwand in die Erzeugung von ein wenig Licht investiert haben, erscheint uns das als vollkommen absurd. Ich bin aus einer Unzufriedenheit Bestehendem gegenüber und einem daraus resultierenden Bedürfnis nach etwas Besserem entstanden. Der Weg zu mir führt über drei Innovationen zum Erfolg. Darin lässt sich ein System erkennen.

 

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